Respekt muss man sich verdienen und Ignaz bringt mir das sehr überzeugend bei. Ich schätze, besonders viele Pferde wie ihn gibt es nicht, ich habe jedenfalls noch kein anderes kennengelernt, das so viel Verstand, Gelassenheit, Menschenkenntnis und Konsequenz in sich trägt. Vielleicht werden auch eine Menge Pferde mit diesen Anlagen geboren, aber von diesen überleben nur wenige, weil man viel Geduld, Wissen und Selbstkontrolle braucht.Ignaz war jedenfalls das erste Pferd, auf dem ich mich richtig sicher fühlte. Das mag wohl an seinem breiten Rücken und den stabilen Beinen liegen, und auch an der plausiblen Erklärung zu seinem Wesen: „Also der Ignaz ist unser Herdenchef. Die ranghohen Wallache bleiben eher stehen, wenn ihnen was unklar ist. Bei den rangniederen kann es schon mal sein, dass sie weglaufen…“ Fein, dachte ich mir, das passt. Schließlich war ich schon siebenunddreißig und keine Sportskanone. Ihm muss ziemlich viel unklar gewesen sein, denn anfangs wir standen ziemlich oft.
Heute sind wir – zwar nicht immer, aber immer öfter – ein Paar. Dazwischen liegen rund 4 Jahre Reitausbildung auf dem Pferdehof Kranichweide. Wenn man als Erwachsener ohne Vorkenntnisse mit dem Reiten anfängt, braucht man erstens verständnisvolle zwei- und vierbeinige Lehrer und zweitens einen Plan. Die verständnisvollen Lehrer gibt es, Ignaz und seine „Kollegen“ nahmen mir eher selten was krumm, und Ines hat mich durch Erfolge „he guck mal, das klappt ja“, Krisen „ich lerne das sowieso nie!!!“ und einige (folgenlose) Sturzflüge kompetent, geduldig und mit Humor begleitet und freut sich sichtlich mit mir, wenn uns was Gutes gelingt.
Und der Plan? Er soll sich an den Möglichkeiten und Zielen des Reiters und dem Bedürfnis und Potential des Pferdes ausrichten. Dazu gehört eine Menge theoretisches Wissen rund um Pferde, wie man sie ausbildet und warum, ihren Blick auf die Welt und uns Menschen. Etwas schwieriger, aber nicht weniger interessant ist der Blick auf die eigene Person, die eigenen Stärken und Schwächen im Umgang mit dem Pferd und den Weg, den man daraus entwickeln kann. Eine enorm spannende Sache, wenn man sich darauf einlässt.
Unser Plan – also mein Plan, den Ignaz nun mit unterschreiben musste – geht in Richtung Dressurarbeit, um Ignaz seinem Alter gemäß fit und gesund zu erhalten und daran auch meine reiterlichen Fähigkeiten zu schulen. Da meine Courage für Sprünge oder weite Ritte ins Gelände noch wachsen muss, passen wir beide in dieser Hinsicht gut zusammen.
Ganz am Anfang standen wir uns öfter recht hilflos gegenüber, das charakterstarke, kluge Pferd mit seiner langen Liste von Reitschülern und ich ohne den konsequenten Führungsanspruch und leider ohne die natürliche Intuition, mit der meine Tochter so locker die Pferde auf ihre Seite zieht.
Ich musste also viele alte Denkmuster erkennen und ändern, mich öfter selbst austricksen und wirkliche innere Gelassenheit erarbeiten. Sehr hilfreich fand ich dafür Yoga, was ich bei einem sehr guten Lehrer regelmäßig übe. Und tatsächlich, mit der inneren Einstellung wandelte sich auch meine Einwirkung auf das Pferd, ohne dass ich mich auf Kampf, Konfrontation oder gar Gewalt einlassen musste. Es zeichnet den Reitunterricht auf dem Pferdehof Kranichweide aus, dass diesem Aspekt Rechnung getragen wird.
Auf unserem Weg liegen natürlich auch physische Herausforderungen, vor die man speziell als erwachsener Reitanfänger gestellt wird, also das Erlernen des ausbalancierten, korrekten Sitzes und daraus folgend die ruhige und losgelassene Hand, sowie die Fähigkeit des bewussten körperlichen Entspannens und Loslassens.
Nun erlebt man auf so einem langen Weg auch immer wieder Rückschläge und Zweifel. Für wirklich schwierige Übungen fehlt noch ein Quäntchen Respekt und Bereitschaft bei Ignaz, aber wir arbeiten beide geduldig und beharrlich daran. „Na, wer von Euch beiden hat jetzt den größeren Dickkopf?“ Ich natürlich. Immer öfter.
Stellt sich zum Schluss noch die Frage, was mir das alles bringt. Zumindest stellen mir andere – also die nicht reitenden Freunde, Familie, Kollegen usw. diese Frage öfter mal. Und ja, ich investiere viel Zeit, Kraft und nicht zuletzt Geld in die Reiterei, wohl wissend, dass ich keine Preise erreiten werde und der Reitsport auch ein gewisses Verletzungsrisiko birgt. Mit einundvierzig ist auch das schon ein Thema.
Darauf gibt es mehr als nur eine Antwort:
Für mich als ehemaliges Stadtkind hat sich eine neue Welt aufgetan. Ans Pferd bin ich ja erst durch meine Tochter Madeleine gekommen, die von ganz klein an eine besondere Beziehung zu Tieren hat und daher das Reiten schnell für sich entdeckte. Als Eltern ist man als Zuschauer und „Bodenpersonal“ ja immer dabei, aber erst auf dem Pferdehof Kranichweide hatte ich die Idee, das auch mal selbst zu probieren und schnell war ich „infiziert“.
Wir haben hier tolle Leute kennengelernt und gute Freunde gefunden, sind sogar heimisch geworden im schönen Nordvorpommern, da wir uns im Nachbardorf einen kleinen Bungalow zugelegt haben und seitdem nicht nur den Urlaub, sondern auch Wochenenden und Feiertage hier verbringen und der (zu großen und zu vollen) Stadt Berlin entkommen.
Durch die intensive Beschäftigung mit dem Partner Pferd habe ich einen anderen Blick auf mich selbst, bin freier, klarer und mutiger geworden, was sich auch auf den Umgang mit Menschen auswirkt. Ich habe außerdem festgestellt, dass ich auf viele materielle Dinge und Fleisch essen sehr gut verzichten kann.
Die Beharrlichkeit und Ignoranz, die mir Ignaz immer wieder abfordert, und die Gelassenheit, die ich mir von ihm abgucke, machen den Berufsalltag erheblich leichter, ganz zu schweigen von der ständigen Vorfreude auf die Reitwochenenden.
Zuallererst aber ist es die sich immer wiederholende Erkenntnis, wie viel Seele, Charakter und Verstand in einem Tier wie Ignaz stecken, die Freude, wenn er fleißig mitarbeitet und uns etwas richtig gut gelingt, und einfach das Glück des Zusammenseins mit einem großen vierbeinigen Freund und vielen zweibeinigen Freunden.
Noch viel mehr könnte gesagt werden, aber dabei will ich es bewenden lassen.
Jacqueline
Juli 2010
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